Frau fährt auf Fahrrad durch Stadt
Fahrradfreundliche Stadt – so kann’s gelingen (Image: Syda Productions – stock adobe.com )

Ratgeber Rad & E-Bike Fahrradfreundliche Städte mit Pop-Up Radweg, Protected Bike Lane & Co

Verkehrswende, urbanes Radfahren und autofreie Innenstädte sind die ganz heißen Eisen in der Verkehrsplanung. Doch wie werden die ehrgeizigen Ziele verwirklicht, Radfahrenden mehr Freiraum und Sicherheit in den großen städtischen Zentren zu gewähren? Pop-up-Radwege und geschützte Fahrstreifen gehören mittlerweile zu den wichtigsten Maßnahmen im Kampf um den Titel „fahrradfreundliche Stadt“. Wir stellen die aktuelle Entwicklung vor und nennen die Vorzüge der brandneuen Radprojekte, bei denen das Fahrrad Vorfahrt hat.

Braucht Deutschland mehr Pop-up-Radwege & Co?

Auf den Zustand der deutschen Fahrradinfrastruktur angesprochen, ließ sich Stephanie Krone, Pressesprecherin des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC), mit drastischen Worten zitieren – dieser sei „irgendwo zwischen gerade noch akzeptabel, gruselig und unzumutbar“. Ein Blick in die Unfallstatistik zeigt: 2020 stieg die Zahl der gemeldeten Fahrradunfälle um rund 5 Prozent auf 91.533 gegenüber dem Vorjahr. In ähnlicher Dimension nahmen dabei Unfälle zu, in denen Menschen zu Schaden kamen. Über 81 Millionen Fahrräder rollen derzeit über Deutschlands Straßen – so viel wie nie zuvor. Es liegt nahe, einen Zusammenhang zwischen dem deutschen Rekord-Fahrradbestand, der deutlichen Unfallzunahme und dem nicht nur vom ADFC kritisierten Zustand der Radwege und Straßen des Landes herzustellen. Doch wie lassen sich unsere Städte und Gemeinden fahrradfreundlicher machen? Was bringen Pop-up-Radwege, Protected Bike Lanes und weitere Maßnahmen für mehr Sicherheit und Fahrqualität?

Europas fahrradfreundliche Städte

Bevor wir uns auf deutschen Straßen und Radwegen umsehen, werfen wir noch schnell einen Blick ins Ausland. Aus hiesiger Perspektive scheint man dort in puncto Fahrradfreundlichkeit vielerorts weiter zu sein. So gibt es in Dänemarks Hauptstadt Kopenhagen breite, bestens beleuchtete und gut ausgeschilderte Fahrradschnellstraßen, die aus dem Stadtzentrum ins Umland führen. Im niederländischen Groningen schaffen Ampelsensoren bei Regen mit Extra-Grünphasen freie Bahn für Radlerinnen und Radler. In Eindhoven besteht ein vom Autoverkehr unabhängiger Kreisverkehr für Fahrräder – er ist an Seile aufgehängt. Utrecht verfügt über das größte Fahrradparkhaus der Welt mit 12.500 Stellplätzen. Paris wiederum glänzt mit einem der größten Radverleihsysteme: 20.000 Räder können an 1.400 Stationen im Stadtgebiet ausgeliehen und wieder abgestellt werden.

Die Pop-up-Radwege in deutschen Metropolen

In Deutschland ist die Mobilitätswende längst ein gängiger Begriff. Damit wird vor allem in Großstädten eine Reduzierung des Autoverkehrs zugunsten des öffentlichen Personennahverkehrs und des Radverkehrs angestrebt. 2020 entschieden sich mehrere deutsche Städte, den Worten Taten folgen zu lassen, und schufen neben verkehrsberuhigten Straßen und Fahrradstraßen sogenannte Pop-up-Radwege – in erster Linie vom Einsetzen der Corona-Pandemie motiviert und daher manchmal als Corona-Radweg bezeichnet. Dabei handelt es sich um kurzfristig zur Verfügung gestellte Radwege, die dem Radverkehr unter ungewöhnlichen Umständen mehr Raum und Sicherheit bieten. Sie sind also provisorisch, werden inzwischen aber als ein probates Element der Verkehrswende betrachtet.

Woher kommen die Pop-up-Radwege?

Fahrradstraße auf einer Fahrbahn
Was bringen die neuen Pop-up-Radwege? (Image: Алексей Голуб – stock adobe.com)

Die Idee dieser Pop-up-Bike-Lanes stammt aus den USA, wo sie sich seit mehreren Jahren als Alternative zum Personennahverkehr bewährt haben. In Deutschland werden Pop-up-Radwege durch die Umwidmung von rechten Fahrstreifen oder Parkstreifen eingerichtet. Eine gelbe Linie mit Fahrradsymbol markiert diese neue Radtrasse. Die Vorreiterrolle in Deutschland kommt Berlin zu, wo die schnell improvisierten Radwege unter anderem am Halleschen Ufer oder am Kottbusser Damm verlaufen. München, Stuttgart, Leipzig und Nürnberg folgten mit eigenen, gelb abgegrenzten Fahrrad-Komfortbahnen. Sie unterstreichen damit ihren Anspruch, in der ersten Liga der fahrradfreundlichen Städte mitspielen zu wollen.

Was bringen die neuen Pop-up-Radwege?

Pop-up-Radwege mögen eine simple Ad-hoc-Lösung sein – verkehrstechnisch erfüllen sie jedoch wichtige Aufgaben einer übergeordneten Planung hin zur fahrradfreundlichen Stadt. Zuerst einmal sorgen sie für eine Trennung des Verkehrs, die beispielsweise ein Einparken von Autos auf dem Radstreifen unterbindet. Pop-up-Radwege sind vorhersehbar und schnell zu verstehen. Bei ihnen handelt es sich um Verkehrswege, die aufgrund ihrer Anlage Fehler wie zu geringer Sicherheitsabstand oder generell Abstandsverletzungen „verzeiht“ und das Verletzungsrisiko senkt. Ein ausschlaggebendes Argument jeder modernen städtischen Fahrradpolitik. Auch können diese schnell und verhältnismäßig kostengünstig eingerichteten Radstreifen in Bedarfssituationen umstandslos unter Druck geratene Straßenabschnitte andernorts entlasten.

Protected Bike Lanes made in USA

Noch eine weitere Idee aus den USA hat sich in deutschen Großstädten durchgesetzt: die Protected Bike Lanes oder geschützten Fahrradstreifen. Hier gibt es keine einfachen gelben Streifen auf dem Asphalt. Vielmehr schirmen Poller, Barken, Blumenkübel oder Pfeiler den Radverkehr von den parallel fahrenden Autos ab. Geschützte Fahrradstreifen sind wie Pop-up-Radwege verhältnismäßig schnell eingerichtet und erfüllen die Bedürfnisse vieler Radfahrenden nach mehr Schutz. Sie sind in typischen Radfahrstädten wie Berlin, München oder Düsseldorf das Mittel der Wahl, um schnell für eine Verbesserung der Fahrradinfrastruktur zu sorgen, ohne teure Bordsteinradwege anlegen zu müssen. In der Verkehrsplanung der Isarmetropole München stellt man dazu folgende Überlegung an: Bis 2025 sollen mindestens 80 Prozent der Münchnerinnen und Münchner ihre täglichen Wege auf dem Rad, zu Fuß oder mit emissionsfreien Öffentlichen machen. Da viele Strecken im Stadtgebiet unter zehn Kilometer liegen, ließen sich mit geschützten Fahrradstreifen als Anreiz noch mehr Leute auf den Fahrradsattel bringen.

Fahrradfreundliche Stadt – das große ADFC-Ranking

Die in einigen Bundesländern vergebene Auszeichnung „fahrradfreundliche Kommune“ ist eine begehrte Zertifizierung für modernen, sicheren und klimafreundlichen Radverkehr. Daneben gibt es das regionale Prädikat „fahrradfreundliche Stadt“, das ebenfalls erst nach einem intensiven Prüfverfahren vom Bundesland oder länderspezifischen Arbeitsgemeinschaften vergeben wird. Eine weitere viel beachtete Prämierung ist das Ranking des ADFC. Alljährlich führt Deutschlands wichtigster Radclub eine Befragung durch, die als Fahrradklima Test bekannt ist. Daraus ergibt sich eine mit Spannung erwartete Platzvergabe der fahrradfreundlichsten Städte Deutschlands – für Zuzüge aus anderen Regionen inzwischen ein echtes Kriterium, ob sich ein Umzug auch lohnt. Derzeit führen übrigens Bremen bei den Städten mit über 500.000 Einwohnern und Karlsruhe bei den Städten mit mehr als 200.000 Einwohnern.